Unübersehbares Zeichen für die MenschenwürdeÜber 7000 Menschen nehmen an Demonstration und Kundgebung der Religionen, „Würzburg bunt statt braun“, teil – Bürgermeisterin Schäfer: „Würzburg sagt Nein zu braunen Parolen und Ja zur Versöhnung“ – Vor allem Jugendliche auf der Straße – Prominenz aus Kirche, Politik und Gesellschaft
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Bild: Markus Hauck (POW) |
| Mehr als 7000 Menschen haben sich nach Polizeiangaben an der Demonstration "Würzburg bunt statt braun" beteiligt. |
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Würzburg (POW) Ein unübersehbares Zeichen für die Menschenwürde und für ein Zusammenleben in Frieden und gegenseitiger Achtung haben Christen, Juden und Muslime am Samstagmittag, 19. März, in Würzburg gesetzt. Mehr als 7000 Menschen nahmen nach Polizeiangaben an der Demonstration und Kundgebung „Würzburg bunt statt braun – Religionen für die Menschenwürde“ teil. „Sie machen unmissverständlich klar: Würzburg sagt Nein zu braunen Parolen. Würzburg sagt Ja zur Versöhnung und zu einem Zusammenleben in Frieden und gegenseitiger Achtung“, rief Würzburgs Bürgermeisterin Marion Schäfer den Menschen bei der Kundgebung zu, die Domplatz, Domstraße, Plattnerstraße und Kürschnerhof füllten. Um 11 Uhr zog die Menschenmenge an der Residenz los, die letzten Teilnehmer verließen den Platz gegen 11.30 Uhr. Jugendliche vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Bistum Würzburg trugen ein sechs Meter breites Transparent mit dem Motto der Veranstaltung voraus. Danach folgten die Vertreter der Religionen sowie zahlreiche Prominenz aus Politik und Gesellschaft. Zu den Gästen zählten unter anderen Landtagsvizepräsidentin Barbara Stamm, Regierungspräsident Dr. Paul Beinhofer, Staatssekretär Walter Kolbow, die Bürgermeister Dr. Adolf Bauer und Marion Schäfer, Landrat Waldemar Zorn sowie Bundes- und Landtagsabgeordnete, Ratsmitglieder und Bürgermeister. Vor allem sehr viele Jugendliche mit Verbandsfahnen und Plakaten nahmen an der Demonstration teil. Über Theaterstraße, Barbarossaplatz, Juliuspromenade, Schönbornstraße und Kürschnerhof zog die Menschenmenge zum Domplatz. Dort schlossen sich neben Staatsminister Eberhard Sinner auch Bischof Dr. Friedhelm Hofmann und Regionalbischof Helmut Völkel der Demonstration an. „Die Opfer des 16. März gehören keiner Partei, am allerwenigsten den Neonazis; sie gehören ihren Verwandten und den Menschen, die aufrichtig um sie trauern“, sagte Bürgermeisterin Schäfer mit bewegter Stimme und unter tosendem Applaus tausender Menschen in den Straßen vor dem Dom. Die Würzburger Bürger trauerten um die Opfer des Angriffs auf die Stadt, sie trauerten aber auch um die Millionen weiterer Opfer des Kriegs und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. „Und deshalb lassen wir es nicht zu, dass die Opfer des 16. März 1945 und unsere Trauer dazu missbraucht werden, die nationalsozialistischen Verbrechen zu relativieren und neuen Hass zwischen den Völkern zu säen“, sagte sie mit Blick auf die NPD-Parole „Kein Vergeben – kein Vergessen“. Mit aller Kraft wolle man sich für den Frieden einsetzen und bekenne sich zur Versöhnung, ohne die es keinen dauerhaften Frieden geben könne, sagte die Bürgermeisterin. Angesichts der durch Nationalismus, Rassismus und Diktatur verursachten Zerstörung Würzburgs setze sich die Stadt ein für Verständigung und Freundschaft zwischen den Völkern. „Wir setzen uns ein für die Achtung der Menschenwürde und für Offenheit und Toleranz.“ Es sei ein gutes Zeichen für den Zustand und die Zukunft Würzburgs, dass die großen Religionsgemeinschaften gemeinsam zu der Demonstration aufgerufen hätten und so viele Menschen dem Aufruf gefolgt seien. Dekan Günter Breitenbach von der evangelisch-lutherischen Kirche rief zum Vergeben und zur Versöhnung auf. „Wir treten für die Menschenwürde ein. Wir bekennen uns zur Versöhnung der Verschiedenen. Wir wollen miteinander leben im gemeinsamen Haus.“ Im Blick auf die Nazi-Parolen sagte Breitenbach, Würzburgs Opfer brauchten deren Gedenken nicht. Die Würzburger ehrten ihre Toten, die Opfer der Gewaltherrschaft ebenso wie die Opfer des Bombardements. „Wir ehren sie aber im Zeichen der Versöhnung.“ Wo eine Partei mit ihren Parolen die elementaren Grundlagen des Zusammenlebens infrage stelle, da dürfe man nicht schweigen. Den Demonstranten rief er zu: „Nur ein friedvolles Würzburg kann ein buntes Würzburg sein.“ Die jüdische Gemeinde vertraue auf die demokratische deutsche Gesellschaft, in deren Mitte sie sich akzeptiert fühle, betonte Dr. Josef Schuster, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Würzburg und Unterfranken sowie Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Bayerns. Der Bau des neuen Gemeindezentrums „Shalom Europa“ in Würzburg zeige, dass die Juden in Würzburg bleiben und nicht weggehen wollten. „Daran werden die Herrschaften, die in Würzburg ihren braunen Rattenfängern nachlaufen, nichts, aber auch gar nichts ändern.“ Die Parole der Rechtsradikalen bezeichnete Schuster als lächerlich. Man werde nicht vergessen, was die Verbrecher, die sie verehrten, angerichtet haben. Dabei stehe die entsetzliche Bombennacht von Würzburg nicht als singuläres Ereignis da. „Für die Juden war der Beginn des Krieges der 30. Januar 1933. Ab da begann die Ausgrenzung aus der deutschen Gesellschaft, die Demütigung, die Gefahr für Leib und Leben, die mit dem Pogrom vom 9. November 1938 ihren nur vorläufigen Höhepunkt fand.“ Bis zum Beginn der Deportationen in die Todeslager der Nazis sei das Leben derjenigen, sich im Vertrauen auf die deutsche Kultur, die Nachbarn, die Freunde, das Leben in ihren Heimatorten nicht zur Auswanderung hätten entschließen können, nicht mehr menschenwürdig gewesen. Die 50 Millionen Tote des Krieges seien das Erbe, auf das sich die Neonazis beriefen, die heute marschierten. „Von den 3000 Juden, die in der Weimarer Republik in Würzburg lebten, überlebten nur eine Handvoll die Konzentrationslager.“ Generalvikar Dr. Karl Hillenbrand von der Diözese Würzburg rief dazu auf, Farbe zu bekennen, Haltung zu bewahren und Gesicht zu zeigen. Mit dieser Einstellung gelte es, gemeinsam die Zukunft Würzburgs zu gestalten. „Würzburg bunt statt braun“ sei ein Ja zu einer Vielfalt von Menschen auf dem Boden der Demokratie sowie zur Suche nach gemeinsamen Grundwerten in der Gesellschaft und nach gemeinsamen Grundlagen in verschiedenen Religionen und Lebenseinstellungen. Diese Suche solle im Frieden vor sich gehen und dürfe nicht durch unversöhnliche Ideologen in Frage gestellt werden, die Hass predigten. Nötig sei weiter eine Haltung der Offenheit, die größere Zusammenhänge erkenne – „eine Haltung, die in die Trauer um die Toten des 16. März 1945 genauso die vorher deportierten, misshandelten und ermordeten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger einbezieht und darüber hinaus aller Opfer von Krieg und ungerechter Gewalt gedenkt.“ Konkret heiße diese Haltung: Erinnern und Versöhnen! Darüber hinaus sollen sich nach den Worten Hillenbrands Christen, Juden und Muslime gegenseitig in den Blick nehmen, einander Aufmerksamkeit schenken und nach Verständnis suchen. „Dazu braucht es den Mut zur Begegnung – nur wer Gesicht zeigt, kann ganz persönlich Dialog pflegen und Gemeinschaft aufbauen.“ Zur Toleranz, zu Vergebung und Versöhnung sowie zum friedvollen Zusammenleben rief Dr. Sadiqu Al-Mousllie, Vorsitzender des Internationalen Islamischen Forums, auf. Eine Absage erteilte er der Intoleranz und dem Extremismus. Durch Aufklärung und Dialog mit gefährdeten Personen solle ein Zulauf zu extremistischen Gruppierungen verhindert werden. Juden, Christen und Muslime sagten mit der Demonstration, dass sie nicht an Vorurteile, Ausgrenzung, Diskriminierung und Intoleranz glaubten. Basis für ein friedliches Würzburg sei eine Gesellschaft voller Toleranz, Vergebung und Versöhnung, frei von Hass und Hasspredigern um der Kinder willen. Bei der Kundgebung am Domplatz sorgte die Dixieband Hot Peppers Stumpers für Stimmung. Am Residenzplatz und vor der Augustinerkirche spielten die Posaunenbläser des evangelisch-lutherischen Dekanats Würzburg, und im Demonstrationszugs unterhielt die Band Samba-Osenga. Am Residenzplatz hieß Pfarrer Ulrich Willmers die Demonstranten willkommen, die Kundgebung am Domplatz moderierte Burkhard Hose. Dabei verlas er die Namen der über 50 unterstützenden Organisationen. Die Kundgebung klang aus mit einem gemeinsam gesungenen Friedenslied. bs (POW)
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